Der Weg als Ziel

Ein abschließendes, kleines Fazit . . .

Gewohntes Bild: der Sommer kommt und LOST geht in die entsprechende Pause. Doch diesmal ist der entscheidende Unterschied, dass es aus dieser Pause nie wieder zurückkommen wird. Zwei Wochen nach dem Finale haben sich die Wogen der Diskussion langsam wieder etwas geglättet und während die ein Teil zufrieden damit ist, hadert ein anderer sicher noch eine Weile damit. Vielleicht werden diejenigen as auch früher oder später akzeptieren, vielleicht auch nicht. LOST wird in jedem Fall abgehakt… entweder als phänomenales Ereignis über das alleinige Fernsehen hinaus oder als nette TV-Abendunterhaltung, welcher am Ende jedoch, wie üblich, die Luft ausging. Das LOST besonders war, können aber die wenigsten Zuschauer leugnen. Es folgt der Versuch, ein kleines Fazit aus all dem zu ziehen.

"Guys, where have we been?"

Vom Ende kann und darf man halten, was man will… ich bin zufrieden, auch wenn ich es ein paar mal schauen und hinterfragen musste, um es zu verstehen. Missen möchte ich die letzten Jahre sowieso nicht, denn das sind die Erinnerungen, die bleiben. Leute, welche die Serie jetzt neu und in einem Durchlauf ohne die Pausen schauen können, werden zwar auch gebannt Folge für Folge schauen, aber diesen Prozess des jahrelangen Verfolgens nie nachvollziehen können. All das Hinterfragen, Theorienbilden und vor allem das Entwickeln der Sympathie für diese Figuren, welches ich in dieser Form noch nie bei einer TV-Serie erlebt habe. Diese Figuren sind das Zentrum der Serie. Denn während viele Zuschauer immer gern den Fehler machten, LOST als Mysterie-Serie mit Drama-Anteilen zu betrachten, betonten die Produzenten stets, dass es genau umgedreht wäre und die Figuren im Vordergrund stehen würden. Sie durchleben im Lauf der sechs Staffeln alle emotionalen Momente, welche man so im Leben mitnimmt. Freude, Trauer, Verlust, Wut, Unverständnis, Verrat, Enttäuschung, aber auch Liebe und Freundschaft. Wir beobachten diese Figuren und all das, was ihnen passiert. Der Unterschied ist, dass das Setting in diesem Fall eine mysteriöse Insel ist. Sicher eine ungewohnte Wahl, aber daraus ergibt sich auch der besondere Reiz dieser Serie, welche sicher in vielen Fällen Neuland betreten hat. Das fängt natürlich beim Folgenkonzept an, welches endlich vom jahrelang gängigen Einzelfolgen-Prinzip weggeht. Stärker als noch bei J.J. Abrahams Vorgängerprojekt „Alias“ bauen die Folgen von „LOST“ aufeinander aus. Es ist eigentlich kaum möglich, mal eine Folge zu verpassen und dann problemlos wieder hineinzufinden. Das ist natürlich Gift für alle Gelegenheitsgucker, welche dadurch natürlich vergrault werden, aber es ermöglicht eine spannende Konzeption und verlangt Einiges vom Zuschauer, womit wir gleich zum nächsten Pluspunkt kommen: LOST ist eine überaus intelligente Serie, welche vom Zuschauer gerade wegen dieses Konzeptes viel abverlangt. Vollgepackt mit allerhand Bezügen zur Weltliteratur, Hoch- und Popkultur oder auch Philosophie biedert sich LOST mit seinen Querverweisen geradezu an den Zuschauer an und ermöglicht so einen Blick über den TV-Tellerrand hinaus. Zumal nie alle Lösungen explizit formuliert werden und so ebenfalls etwas Interpretationsgabe und Nachdenken erfordern, gerade wenn kleinere Fragen erst zwei Staffeln später aufgeklärt werden. Hier führte in den letzten Jahren auch kein Weg an privaten Nachforschungen vorbei. Das Web-2.0.-Monster, welches LOST geschaffen hat ist sicher eine der beeindruckendsten Leistungen der Serie. Etwas Vergleichbares gab es vorher noch nicht und wird es sicher für eine lange Zeit nicht mehr danach geben. Millionen Menschen diskutierten, philosophierten und kommunizierten auf tausenden Seiten über die Serie, stellenweise mit den absurdesten Theorien, die man sich denken kann. Eine Pionierleistung, welche die Serie da vollbracht hat, geplant war dies sicher nicht. Ein glücklicher Zufall für die Macher, neben dem Segen aber auch gleichzeitig Fluch bedeutete. Denn das Monster, welches sie erschufen entwickelte ein ungeahntes Eigenleben. Die Theorien und Ideen hinter dem, was die Insel oder Smokey ist blühten auf und vereinahmten manchen LOST-Nerd komplett. So kreierten sich viele Fans ihr Bild von LOST im Kopf und mussten dann mit ansehen, wie ihre Vorstellungen von der Serie und ihrer Lösung von den Machern mit Füßen gedrehten wurden, weil diese es nämlich am Ende wagten, ihre eigene Geschichte zu erzählen und sich eben nicht von den Fans beeinflussen zu lassen. Doch die Story von LOST wurde so erzählt, wie sie erzählt werden sollte. Für manche in einer Richtung, welche sie so nicht akzeptieren konnten und wollten. Über die Jahre hin hatte sich die Erwartungshaltung ins Unermessliche gesteigert und konnte schon gar nicht mehr angebracht erfüllt werden. Am Ende musste nämlich bei allen Fragen, die man noch zur Dharma Initiative oder der Inselhistorie hatte, auch noch eine Geschichte erzählt werden und es ist höchst respektabel, dass es bis zum Ende hin immer das primäre Ziel der Seriengurus blieb, dies zu tun. Da war halt wenig Platz für Umwege, auch wenn das nicht gern gesehen wurde.

You'll be missed!

Doch war am Ende wirklich alles vorhergeplant? Sicher nicht in dem Maße, wenngleich sicher eine Idee von dem bestand, was die Insel denn nun genau sei und welche Rolle die Losties denn auf dieser spielten. Und da gab es im Laufe der Jahre sicher einige Widrigkeiten, mit denen man zu kämpfen hatte. Zum Einen wurde der Endpunkt der Serie erst in der dritten Staffel festgelegt (ein Umstand, der eher untypisch für TV-Serien ist, da die ja normalerweise solange laufen, bis die Quoten sinken), dann gab es noch einen Autorenstreik, welcher die vierte Staffel radikal einkürzte, diverse Story-Fehlentscheidungen (Bsp. Nikki/Paolo) oder auch Stress mit Schauspielern (Eko-Darsteller Adewale Akinnuoeye-Agbaje wollte bspw. aus der Serie rausgeschrieben werden), welche nicht mehr im gleichen Maße mitwirken konnten. Normale Sachen, die bei einer TV-Produktion Gang und Gebe sind, muss man sagen. Dies sollten Kritiker der Show sicher nicht vergessen, zumal es letztendlich etwas so Komplexes, wie LOST vorher in der Form noch nicht gab und da einige Fehler verzeihlich sind. Ich persönlich bin da jetzt nicht päpstlicher, als der Papst, denn so ein Mammutprojekt wie LOST zu stemmen und angemessen aufzulösen ist eine Aufgabe, die ich persönlich nicht haben möchte. Und wenn man nun zurückblickt, dann stellt sich die Frage, was einem in Erinnerung bleiben wird? Sind es etwa wirklich die Ungereimtheiten? Die Nadel im Heuhaufen oder das etwas sehr kitschige Ende? Oder bleiben die positiven Erinnerungen an die Figuren, die uns begleitet haben, die langen Diskussionen, die man mit Freunden on- und offline geführt hat, all die Vorfreude auf die neue Staffel oder die wöchentlich neue Folge, der Kampf mit den Spoilern und all die kleinen Gimmicks im Internet? Diese Erfahrung kann einem nicht mehr genommen werden und rückblickend betrachtet bot selbst die schwächste Folge damals noch einen gewissen Unterhaltungswert. Und erst die guten Folgen! Nie werde ich vergessen, wie sehr mich „The Constant“ nach dem ersten Anschauen bewegt hat. Und was für ein Gefühl transportieren bitte schön die Mindfuck-Anfänge von Staffel 2 oder Staffel 3? Aber, und das ist ja der Grundtenor am Ende, am meisten werden mir natürlich diese Figuren in Erinnerung bleiben, die einem ans Herz gewachsen sind und welche einen in ihrer Entwicklung immer wieder begeistert haben. Wer hätte gedacht, dass Redneck-Proll Sawyer am Ende so ein Sympathieträger wird oder dass der lustige Hurley am Ende eine so wichtige Aufgabe übernimmt? Oder die Läuterung eines Benjamin Linus, der überraschende Tod eines John Locke, sowie ein Protagonist Jack Shephard, von dem man zwischendurch echt die Schnauze voll hatte, weil er anscheinend alles verbockt hatte, nur um am Ende doch noch als strahlender Sieger der Serie vom Platz zu gehen. Und selbst eine Kate Austen gewinnt am Ende noch dazu. Wer hätte dies gedacht? LOST hat eine Grundvoraussetzung geschaffen, damit die Serie so begeistern kann… es hat Figuren gezeichnet, welche sehr verschieden waren, die einem aber alle auf unterschiedliche Weise ans Herz gewachsen sind. Das funktionierte auch aufgrund eines extrem gelungenen Castings mit tollen bis herausragenden Schauspielern. Einmalig in dieser Kombination und sicher auch einmalig in diesem Setting. Die Kulisse ist genauso beeindruckend gewesen, wie die Produktion. Von den Hochglanz-Aufnahmen auf Kino-Niveau bis zum tollen Score: LOST war wie ein einziger langer Film, welcher das Niveau für die TV-Serien auf ein neues Level hob. Nachfolgeprojekte, welche das Fahrwasser nutzen werden, müssen sich daran die Zähne ausbeißen. „Jericho“ und „Flash Forward“ sind schon gescheitert… who’s next? Eine Weile wird es sicher dauern, bis eine Serie wieder auf einem solchen Niveau begeistern und gleichzeitig frustrieren wird.

Folgt dem Licht...

Und es sei gesagt, dass natürlich nicht alles an LOST perfekt war. Aber wo gibt es eigentlich schon Perfektion im Leben? Und ist diese überhaupt erstrebenswert und zu verwirklichen? Am Ende bleibt LOST nämlich bei aller Philosophie und Lebenseinstellung nämlich vor allem Eines: ein Unterhaltungsformat. Und alle, die es gesehen haben, egal in welchem Zeitraum und mit welcher Intensität sollten sich am Ende einfach mal folgendes fragen: Wurde ich gut unterhalten? Und ich denke, trotz einiger Ungereimtheiten wird man diese Frage mit einem „ja“ beantworten müssen… und selbst wenn man sich viel aufgeregt hat, teils gleichermaßen euphorisiert wie frustriert war, so war man doch irgendwie von diesem Format gefesselt und hat sich in diese einzigartige Serienwelt reinziehen lassen. Und nur das zählt am Ende… die gute Zeit, welche wir mit dieser Serie verbracht haben. Christian Shephard würde mir zustimmen. Die Zeit kann uns keiner nehmen, wer sie bereut, der wird vielleicht trotzdem irgendetwas draus mitnehmen. Es ist jedem selbst überlassen, wie und ob er die Serie und ihre Auflösung für sich interpretiert. Man sollte es aber auch nicht überbewerten, denn LOST ist am Ende nicht das Wichtigste im Leben, sollte es ja auch nie sein. Aber es kann das Leben auf verschiedenste Art und Weise bereichern. Je nachdem, wie man es halt sieht. Also bleibt auch mir als Fan am Ende nichts anderes übrig, als „Namaste“ zu sagen und mich für diese unglaubliche Reise und spannende Geschichte zu bedanken, welcher ich in den letzten Jahren beiwohnen durfte. Alle die es noch nicht getan haben, sind dringend eingeladen, das in den nächsten Jahren nachzuholen. Ich gebe euch nur den Tipp, die Serie zu genießen, auch wenn ihr es dann nicht mehr über einen solch langen Zeitraum tun müsste. Mit der Reise von LOST endet prinzipiell auch die Reise von mir als kleiner LOST-Blogger. Der Blog wird natürlich noch nicht dicht gemacht, denn es soll ja weiterhin auch allen möglich sein, sich die Ansichten zu den einzelnen Folgen oder meine Version der relevanten Antworten zu lesen und zu kommentieren. Dennoch bereits an dieser Stelle ein kleines, feines „Dankeschön“ an alle, welche dieses letzte Stück mit mir zusammengegangen sind und hier regelmäßig vorbeigeschaut haben. Ihr seid alle ganz herzlich auch in Zukunft hier Willkommen! Aber Abschiednehmen und Loslassen ist halt auch nicht immer so einfach, das hat uns diese Serie ja mehrfach gezeigt. Deshalb ist dies ja auch kein Ende, sondern einfach nur eine kleine Zwischenstation im Leben oder um noch ein Zitat aus dem Finale zu bringen: I’m not leaving, just moving on!

4 Antworten zu Der Weg als Ziel

  1. korben sagt:

    es ist so traurig, LOST war die einzige Serie die ich geguckt hab, jetzt gucke ich wieder die alten folgen, damit ich meine trauer ein bisschen lindern kann..

  2. Lostie sagt:

    Heyhey,

    ich war eine Weile offline, hab aber immer versucht ums Finale hier mitzulesen. Stellvertretend deshalb für alle Posts rund ums Serienfinale ein GROSSES DANKESCHÖN!

    Sehr toll geschrieben und gute Ansichten. Mir ging es ähnlich, beim ersten Schauen war ich leicht frustriert, weil mir das zu beliebig schien. Aber wenn man sich da mal wirklich Gedanken drüber macht und es noch zwei, drei Mal schaut, dann ist das wirklich ziemlich geil, muss ich sagen und eine wirkliche schöne Lösung mit einem wirklich tollen Grundton!

    Wird mir fehlen, hier vorbeizuschauen, der Post klingt ja schon nach Abschied. Ist es ja auch. Aber tolle “Antworten”-Sektion. Werd mich da noch etwas durchlesen!

    Beste Grüße,
    Stefan aka Lostie

  3. madcabbin sagt:

    @ korben: Ja, aber das Leben geht halt weiter. Ich schau’s mir in ein paar Monaten sicher auch nochmal von vorn an. Bis dahin gilt aber: Loslassen!

    @ Stefan: Danke, Danke! Ein treuer Fan hier. Ja, weiß nicht, ob das jetzt wirklich der letzte Eintrag hier war, da möcht ich mich nicht festlegen. Hab aber das Gefühl, das momentan schon alles gesagt ist bezüglich LOST. Die Serie sollte auch etwas für sich selber stehen.

  4. Toni Hennig sagt:

    Naja Norman wir werden sicher nochmal das ein oder aufgreifen beim gucken der DVD…..ich werde mich Sicherheit auch nach einer WEile anfangen Lost von vorne zu gucken,aber erstmal brauche ich ein wenig Abstand.

    Wenn Season 6 auf Dvd kommt und die erweiterten Szenen des Finales drauf sind,vielleicht sieht man sich dann hier weiter.

    Vergessen werde ich Lost sicher nie,dafür sind mir die Figuren viel zu sehr ans Herz gewachsen.

    Everything has an End!

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